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Geschichte und Hintergrund

Die Entstehung von Housing First
Der konzeptionelle Ansatz von Housing First wurde in den frühen 1990ern als “Pathways to Housing” von Dr. Sam Tsemberis entwickelt. Das Konzept richtete sich ursprünglich an obdachlose Menschen mit psychischen Gesundheitsproblemen. Die Zielgruppe von Housing First erweiterte sich mit der Zeit auf Menschen, die langjährig obdachlos waren und auf Personen, die nach der Entlassung aus Krankenhäusern und Haftanstalten von Obdachlosigkeit bedroht waren. Mittlerweile wurde das Konzept Housing First in Nordamerika in den Unterstützungsangeboten so weiterentwickelt, dass auch obdachlose Familien und junge Menschen davon profitieren können. Vor der Entwicklung von Housing First war dauerhafter Wohnraum mit Unterstützung an einen Stufenplan gebunden, der mit Behandlung und Abstinenz begann. Die einzelnen Schritte des Stufenplan-Modells zielen bis heute darauf ab, „housing ready“ zu werden und so ein selbstständiges Leben in einem eigenen Wohnraum führen zu können.

Die Grenzen des Stufenplan-Modells
In den 1990ern wurde zunehmend deutlich, dass Hilfeangebote mit Stufenplan für Menschen mit schwerwiegenden psychiatrischen Diagnosen, vor allem in Kombination mit zusätzlichen Suchtproblemen, häufig nicht langfristig erfolgreich sind. Die entstehende Kritik an den bestehenden Stufenplan-Angeboten richtete sich bspw. gegen die hohen Anforderungen, die an obdachlose Menschen gestellt wurden. Kritisch wurde auch die Tendenz bewertet, die Obdachlosigkeit als Folge einer individueller Charakterschwäche der Betroffenen zu sehen und sie für ihre eigene Wohnungslosigkeit verantwortlich zu machen. Als Alternative zum Stufenplan-Modell entstand in Nordamerika deshalb das Konzept des “Unterstützten Wohnens”. Hierbei wurde ehemaligen psychiatrischen Patient*innen zeitnah ein ortsüblicher Wohnraum vermittelt. Zusätzlich erhielten sie flexible Hilfe und Betreuung durch mobile Unterstützungsteams. Die  “Unterstützt Wohnen”-Angebote in verlangten, im Gegensatz zum Stufenplan-Modell, keine Abstinenz von Alkohol oder Drogen und setzten keine Verpflichtung zu einer Behandlung voraus, um mit eigenem Wohnraum versorgt zu werden. Das Modell des „Unterstützten Wohnens“ bereitete die Basis für Housing First.

Housing First als effektive und kostengünstige Alternative
Auf diesem Ansatz aufbauend entwickelte Dr. Sam Tsemberis in New York Housing First. Auch hier lag der Schwerpunkt auf der Versorgung mit Wohnraum und flexibler Unterstützung von wohnungslosen Menschen mit schwerwiegenden psychischen Erkrankungen. Entgegen dem herkömmlichen Stufenplan-Modell wurde zuerst eine Wohnung zur Verfügung gestellt. Der schnelle Zugang zu einer dauerhaften Unterkunft wurde kombiniert mit mobilen Unterstützungsangeboten, die die Teilnehmenden in ihrem Wohnraum aufsuchen. Der Erhalt des Wohnraums wurde nicht mit der Forderung verbunden, den Konsum von Alkohol oder Drogen einzustellen und sich in Behandlung zu begeben. Eine sozialwissenschaftliche Forschungsarbeit von Dennis P. Culhane zeigte Ende der 1990er, dass das Stufenplan-Modell besonders bei Menschen, die von chronischer Obdachlosigkeit betroffen sind, nicht wirksam greift. Im Gegensatz dazu konnten Evaluierungen des Housing First Programms in New York zeigen, dass dauerhafte Obdachlosigkeit so erfolgreicher, als im Stufenplan-Modell beendet zu werden. Es folgten vergleichende Untersuchungen, die zusätzlich zeigten, das Housing First Angebote bei niedrigeren Kosten bedeutend bessere Ergebnisse in der Bekämpfung von Wohnungslosigkeit erzielt.

Der Erfolg von Housing First ist zahlreich belegt
Seit der Entstehung von Housing First konnten zahlreiche Evaluationen die positive Wirkung des Ansatzes belegen. So zeigte eine von der EU-Kommission finanzierten Studie 2013 die Erfolge von Housing First Projekten aus Amsterdam, Glasgow, Kopenhagen und Lissabon. In 80 und teilweise über 90 Prozent aller Fälle konnte ein dauerhafter Wohnungserhalt erreicht werden. Housing First ermöglicht, dass ehemals Obdachlose wieder langfristig in eigenen Wohnraum leben können, statt in Notunterkünften unterzukommen. Zusätzlich zeigten sich deutlich positive Entwicklungen bei psychischen Erkrankungen und Drogenmissbrauch. Der Studie nach lassen sich insgesamt deutliche Verbesserungen der Lebensqualität feststellen. Zu ganz ähnlichen Ergebnissen kommt auch der 2016 erschienene Housing First Guide Europe. Auch hier lag die Quote für langfristige Beendigung der Wohnungslosigkeit sehr hoch. In schwedischen Projekten konnte ein Wohnungserhalt von 84 Prozent, Schweden 93 Prozent und in Österreich sogar von 98,3 Prozent festgestellt werden.


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